Stellungnahme des AStA anlässlich des Umgangs mit dem Vorplatz des Uni-Hauptgebäudes

Auf dem Platz vor dem Universitäts-Hauptgebäude kam es in der jüngeren Vergangenheit zu zunehmend unhaltbaren Zuständen. Vor zwei Wochen erlangte der Platz traurige Berühmtheit durch eine größere Schlägerei, letztes Wochenende kam es zu massiven Lärm- und Müllbelästigungen, unter denen vor allem die Anwohner:innen, aber auch Spaziergänger:innen, die lokale Gastronomie usw. litten. Auch die geltenden Hygieneregeln wurden erheblich verletzt. Viele sind sich einig: So schlimm sei es vorher noch nie gewesen. Aber wieso jetzt auf einmal?

Wir haben ein Wintersemester, das von Ausgangssperren- und Kontaktbeschränkungen gezeichnet war, hinter uns gebracht. Monatelang durfte man sich offiziell – außerhalb des Arbeitsplatzes natürlich – selbst an der frischen Luft nur mit Maske und maximal einem weiteren Haushalt treffen, nach 22 Uhr nicht mehr zu zweit spazierengehen, auch wenn man dem gleichen Haushalt angehörte, etc.

Gießen ist eine Studierendenstadt, in der die wenigsten Immatrikulierten mit ihren Familien zusammenwohnen. Die meisten Studis wohnen in WGs, Wohnheimen oder alleine in Appartements, die je nach Einkommensklasse wenig Raum bieten. Viele von uns gingen wegen der digitalen Lehre in die Heimat zurück. Übrig blieben in der Stadt schlimmstenfalls die allgegenwärtige Angst vor der Pandemie, Einsamkeit und beengte Wohnverhältnisse; bestenfalls einfach Langeweile und ein langer, dunkler Winter.

Vor einigen Tagen sind diese Kontaktbeschränkungen gelockert worden. Man darf sich nun wieder in größeren Gruppen draußen aufhalten und das auch nachts, weil die Inzidenz lange keinen bedenklichen Bereich angenommen hat. Zufällig hat in Mittelhessen dann auch noch der lang erwartete Sommer die Kälte abgelöst.

Es war also abzusehen, dass bei steigenden Temperaturen und sinkenden Corona-Inzidenzen insbesondere jüngere Menschen ohne große Wohnungen bzw. Grundstücke frei zugänglichen, städtischen Raum nutzen werden, um endlich wieder zusammen zu kommen. Verbote und repressive polizeiliche Maßnahmen, wie sie die Stadt und die Uni Gießen nun ankündigen, werden diese Bestrebungen nicht ausbremsen, sondern durch kurzfristige Symptombekämpfung den Konflikt nur an andere Orte verlagern und verschärfen. Die angekündigte verstärkte Überwachung und immense Polizeipräsenz sowie die aktuell zu prüfende Sperrung des gesamten Platzes lehnen wir entschieden ab! Dass die Maßnahmen nicht nur Studierende am UHG betreffen und scharf kritisiert werden müssen, erkennt man ebenso an dem geäußerten Vorhaben auch andere städtische Plätze kontrollieren und seitens der Polizei möglichst frühzeitig eingreifen zu wollen.

Der AStA der JLU stellt sich natürlich gegen eine Vermüllung universitärer sowie städtischer Räume. Die Gefahren für den naheliegenden Kinderspielplatz und Spazierengehende mit Hund sowie die von Glassplittern geprägten Fahrradwege und Straßen sind offensichtlich. Auch sind wir solidarisch mit den Anwohner:innen, die sich wünschen, nicht übermäßig durch tiefnächtlichen Lärm wachgehalten zu werden, vor allem wenn man bedenkt, dass die meisten sich ihre Wohnung mehr nach Verfügbarkeit als nach Wunschlage aussuchen.

Wir meinen aber: Auf dem UHG spielte sich ein genauso unschönes wie auch vorhersehbares Geschehen ab, dem man von öffentlicher Seite präventiv und innovativ begegnen kann. So ist seit Jahren zu beobachten, dass Freiräume und Freizeitangebote, vor allem unkommerzieller Natur, eingestampft werden ohne Alternativen und Ersatz zu schaffen, so z.B. das Café Amelie, das Kinocenter, das Haarlem, u.v.m. Der Universitätsplatz ist auch deshalb seit Jahren bei Studierenden und anderen Gießener:innen ein beliebter Ort für Begegnung und gemeinschaftliche Aktivitäten und somit zu einem festen Bestandteil des (studentischen) Lebens in Gießen geworden. Deshalb sind wir der Meinung, dass der Freiraum vor dem Uni-Hauptgebäude unbedingt erhalten bleiben muss!

Die Universität darf nicht zu einer anonymen, rein leistungsgetriebenen Lernfabrik werden, nachdem jetzt alle Studierenden drei Semester Home-Office durchlebt  haben! Stattdessen muss die Universiät in die Bürger:innen und Studierenden der Stadt vertrauen und entsprechende Diskussionsplattformen für einen konstruktiven Austausch über (hygienekonforme) Freiräume, Freizeitangebote und Kontaktmöglichkeiten schaffen. Statt autoritär durchzugreifen sollte auf Dialog gesetzt werden, der allen Anliegen gerecht wird!

 

Wir fordern zur Deeskalation und zur Wahrung des Ausgleichs der verschiedenen Interessen:

  • Den Abzug der übermässigen und dauerhaften Polizeipräsenz am UHG und das Ende der Überwachung, keine Absperrung des Platzes und keine Ausweitung des Alkoholverbots!
  • Keine „positive“ Verdrängung von (studentischen) Freiräumen durch kommerzielle Barbetriebe oder sonstige Gastronomie. Der Vorplatz des Hauptgebäudes muss frei zugänglich für Alle bleiben!
  • Dezentrales Aufstellen von sanitären Anlagen, sodass Menschen sich an mehreren Orten in der Stadt und auf den verschiedenen Campi treffen können und nicht auf Angebote der Gastronomie zurückgreifen müssen.
  • Dezentrales Aufstellen von Parkbänken zum Zusammenkommen, aber auch zum Lernen im Freien auf den verschiedenen Campi.
  • Ausweisung der dezentral vorgesehenen Orte zum Zusammenkommen.
  • Aufstellen von Pfand- bzw. Altglascontainern nach neuem Konzept auf dem Platz vor dem Uni-Hauptgebäude sowie größerer, den realistischen Gegebenheiten angepassten Müllcontainer an Orten des Zusammenkommens.
  • Ausarbeitung neuer Konzepte mit verschiedenen Veranstaltenden, evtl. nach dem Vorbild der Kreidekreisarena und mehr Teilhabe von Studierenden an der Stadtgestaltung und der Gestaltung von Freiräumen!

 

Das Studierendenparlament

Das Studierendenparlament fordert hiermit die Justus-Liebig-Universität und die Stadt Gießen dazu auf, in den kommenden Tagen und Wochen Gespräche mit betroffenen Akteur:innen aufzunehmen. Dazu zählen Vertreter:innen der Studierendenschaft, des Stadtschüler:innenrates und weitere beteiligte Akteur:innen, wie die Gastronomie und die Stadtbevölkerung, insbesondere die Anwohner*innen. Dabei sollen die oben genannten Punkte in einem gemeinsamen Dialog mit allen Beteiligten diskutiert werden. Auch soll ein langfristiges Konzept zur studentischen Nutzung des Platzes erarbeitet werden, um bereits bekannte, langfristige Probleme der Nutzung nachhaltig zu lösen.